R. Nina Roth

Stille Sicht

Eine fesselseelen – Kurzgeschichte 


Jetzt auch als Lesung:


Donnerstag

Es fällt mir schwer, ihnen zuzuhören. Auch wenn ich es so gerne können würde. Wir wissen aber, dass das nicht so einfach funktioniert. Denn ich bin Autistin. So sagen die Ärzte jedenfalls. Ich sei anders. Klar, ich empfinde mich als ziemlich normal, aber die ganze Welt um mich ist irgendwie anders. Scheinbar weiche ich von ihnen ab. So sehr, dass wir nicht richtig miteinander kommunizieren können. Sie sagen, ich soll lesen und schreiben lernen, damit ich mit ihnen kommunizieren kann. Aber ich schaffe es nicht, mich mit solchen weltlichen Dingen zu beschäftigen. Ebenso kann ich nicht wie sie Laute von mir geben. Etwas, das sie Sprechen nennen. Ich kann darin nichts Nützliches finden. Aber irgendwie müssen wir miteinander klarkommen, denn ich brauche sie doch irgendwie. Nicht, um zu überleben. Ich kann mich versorgen. Aber um mit den anderen da draußen zu leben. Denn die verstehen mich nicht und erwarten, dass ich mich anpasse. Auch wenn es mir gar nicht gefällt. Ich erkenne inzwischen, dass es andersherum nicht funktionieren kann. Sie sind viele, ich nur eine.
Mein Name ist Lani Soha. Ich bin eben Autistin. Und wenn es das Einzige wäre, was ich bin, wäre diese Geschichte hiermit zu Ende. Denn was nützt es euch da draußen, wenn ich euch davon erzähle, wie anstrengend es ist, sich zu waschen, anzuziehen, Nahrung zu mir zu nehmen, und wie gerne ich aus dem Fenster meines Zimmers im vierten Stock schaue. Denn ich beobachte. Und ich sehe mehr, als ihr denkt.
Während ihr nur eine stumme, schüchterne 15Jährige seht, die aus dem Fenster starrt, so sehe ich alles. Ich sehe, was ihr scheinbar nicht seht. Ich sehe, wie alles zusammenhängt. Ich kann Fäden sehen, wo ihr herkommt, und kann sie verfolgen, wo ihr hingeht. Mir ist egal, was ihr mit dem Mund sagt. Ich kann es eh nicht wirklich verstehen. Doch ich kann sehen, was ihr fühlt, und was ihr euch wünscht. Ich kann sehen, ob ihr wütend oder glücklich seid.
Ihr fragt euch sicher, wie diese kleine, verschlossene Südländerin es geschafft hat, diese Zeilen hier zu Papier zu bringen. Aber das würdet ihr jetzt noch nicht verstehen. Also fangen wir klein an.

Sie streiten. Meine Pflegeeltern. Agil und Condas Soha.
Ja, das sind beides Männer. Ihr habt doch kein Problem damit, oder? Ich jedenfalls nicht. Denn die beiden lieben sich und haben sich immer ein Kind gewünscht. Natürlich nicht unbedingt so ein schwieriges wie mich. Aber als sie mich aufnahmen, ging man nur davon aus, dass ich traumatisiert wäre – nach dem Unfall meiner Eltern. Die Feuerwehrleute konnten mich schreiend und um mich schlagend aus dem brennenden Haus schleifen. Warum mussten die mich auch anfassen? Ich mag das gar nicht, wenn man mich anfasst. Danach war ich – naja, durchaus traumatisiert. Aber nicht nur deshalb, weil meine Eltern starben. Ich habe mich erschrocken, als Papa mich von hinten in den Arm nahm. Da habe ich gefuchtelt und eine Kerze umgestoßen. Weil ich so geschrien habe, hat das erst niemand bemerkt, bis alles schon brannte. Ja, vermutlich habe ich meine Eltern auf dem Gewissen. Weil ich anders bin. Tolles Gefühl, nicht wahr?

Aber das ist nichts Neues. Mein Leben ist anders und schrecklich kompliziert. Weil ich anders bin. Doch Agil und Condas ist das egal. Sie setzten sich einfach links und rechts neben mich. Sie wollten mich nicht anfassen. Ihnen gefiel mein Notizbuch, in dem ich immer male, und wir reichten es vor und zurück und teilten Bilder. Ich in der Mitte, die beiden links und rechts von mir. Und dann war es geschehen. Sie mochten mich. Das Heim war froh, dass irgendwer was mit mir anfangen konnte. Und seither ist es immer so. Agil links, Condas rechts. Niemals anders. Die beiden verstehen mich wenigstens ein bisschen.

Doch nun streiten sie. Ich spüre es durch die Tür. Und da ist es wieder, dieses Leuchten. Zwei Seelen, die rote Funken werfen. Rote, heiße Funken, die sprühen, wenn sie aufeinandertreffen. Aber irgendwas ist anders heute. Die Fäden, die sie sonst immer verbinden, verblassen und reißen. Agil versucht sie immer wieder aufzubauen, aber Condas reißt sie immer wieder ab. Ihre Seelen trennen sich. Sie sind nicht mehr verbunden. Das kann nur bedeuten, dass sie sich trennen werden. Verbundene Seelen, ich habe sie da draußen oft gesehen. Sie gehen Arm in Arm, Hand in Hand, und sie küssen sich. Widerlich. Was auch immer Menschen daran finden, sich so zu bedrängen. Es scheint für sie toll zu sein. Und dieses Toll zerbricht gerade zwischen Agil und Condas. Condas verblasst. Er ist gegangen. Agils Seele glüht dunkelrot. Er ist wütend. Traurig. Verzweifelt. Doch irgendwas hält ihn zurück das alles raus zu lassen. Er sperrt es ein. Seine Gefühle ins Innere gepresst kommt er nach einem Klopfen, das immer zuerst kommt, in mein Zimmer. Er setzt sich links neben mich, wie er es immer tut. Rechts bleibt leer. Ich fühle mich traurig. Fast so traurig wie er. Er malt ein schnelles Kritzelbild in mein Buch. Darauf zu sehen sind wir beide – ohne Condas. So funktioniert also die Welt der anderen. Menschen kommen, Menschen gehen. Wie traurig. Ich lehne mich an seine Schulter. Und wie wir es schon still vereinbart haben, rührt er mich dennoch nicht an. Seine Seele wirkt verletzt und unvollständig. Es fehlt dieser Teil, der immer leuchtete, als Condas da war. Condas ist ein Idiot. Wie kann man etwas so Wichtiges aufgeben, das einfach so sein muss? Warum etwas ändern, wenn doch alles richtig ist? Ich muss doch was tun. Aber das kann ich nicht. Ich kann nur aus dem Fenster starren. Zusehen, wie andere Menschen Dinge tun, die ich nie verstehen werde. Das macht mich wütend. Da bin ich eine Woche daheim, weil Ferien sind, und schon passiert etwas Schlimmes. Die Behindertenschule ist schon die Hölle für mich. Aber dass hier daheim alles auseinanderbricht – das ist jetzt wirklich zu viel. Und was mich am wütendsten macht ist die Tatsache, dass ich eigentlich gar nichts tun kann. Ich bin eine verfluchte Autistin. Ich bin hilflos. Ich hasse es.

 

Freitag

Wenn es etwas gibt, was ich mehr hasse als angefasst werden, dann ist es, dass sich etwas ändert. Und letzte Nacht hat sich etwas geändert, was nicht nur mir wehtut. Auch Agil hat seelische Schmerzen. Er macht wie immer Frühstück für mich. Das finde ich beeindruckend. Ich an seiner Stelle hätte alles zusammengetreten und kaputt geworfen. Aber er ist weiter für mich da. Was habe ich je Gutes für ihn getan? Viel zu wenig bestimmt. Er war immer für mich da. Ich war – naja, ich war da. Aber nie für jemanden. Ich war einfach da. So langsam verstehe ich doch ein bisschen, was Menschen dazu bringt, füreinander da sein zu wollen. Es verbindet sie und erschafft etwas, das sicher und jeden Tag da ist. Gewohnheit. Damit kenne ich mich aus. Und Gewohnheit ist heute nicht da. Nur noch Agil. Und mein Zimmer mit meinen Sachen. Mir könnte das reichen, aber Agil nicht. Seine Seele leidet. Das gefällt mir nicht. Ich muss für ihn da sein. Aber wie?

Agil deckt den Tisch ab. Wie jeden Tag, als wäre nichts geschehen. Ich gehe in Richtung Zimmer. Wie jeden Tag. Doch heute muss ich was ändern. Ich muss raus aus meiner Welt, hinein in seine. Ich biege im Flur ab zum Wohnzimmer. Da steht ein Regal mit Agils Comics. Er ist ganz verrückt danach. Ich will wissen warum. Also schaue ich über die vielen Rücken der Hefte und Bände. Superhelden, Karikaturen, seltsame Gestalten. Was fange ich damit an? Ich greife mir einen Band nach dem anderen heraus und betrachte die Vorderseite. Ich finde etwas, was einfach gezeichnet aussieht. Auch wenn die Menschen darauf furchtbar große Augen haben. Ich setze mich damit auf das Sofa und betrachte die ersten Seiten. Verschiedene Situationen, in denen Menschen reden, etwas erleben, etwas passiert. Und immer wieder diese weißen Blasen, die spitz auf ihre Münder zulaufen. Das soll anscheinend bedeuten, dass sie sich etwas sagen. Auf diesen Bildern sieht alles anders aus. Ohne Zauber. Ich sehe keine Fäden. Nur das, was der Zeichner mich sehen lassen will. So sieht also Agils Welt aus. So sieht sie vielleicht für alle anderen aus. Sie ahnen nicht, was ihr Gegenüber fühlt. Sie müssen danach fragen. Mir wird einiges klar. Wenn ich will, dass Agil mich versteht, dann muss ich das sagen können. Verdammt, sowas kann ich nicht. Mein Verstand schlägt Purzelbäume und versucht, die Symbole in den Blasen in einen Zusammenhang zu bringen. Fasziniert suche ich weitere Comics heraus, verteile sie auf dem Tisch und auf dem Sofa und suche Muster. Muster erkennen kann ich. Darin bin ich gut. Und ich weiß, Agil ist inzwischen im Raum. Er sitzt auf der anderen Seite auf einem Sessel und versteht nicht, was ich tue. Ich stehe auf, gehe zum Schreibtisch und hole Papier und Stift. Ich male mich und ihn, dazwischen Sprechblasen. Vielleicht kann er es verstehen. Dann lasse ich ihn wieder alleine und suche weiter. Zwischen diesen ganzen Sprechblasen gibt es Zusammenhänge. Manche Wörter tauchen häufiger auf, manche seltener. Manche werden benutzt, wenn man wütend ist, andere bei Freude. Ich werde diese Sprache verstehen lernen. Und meine Wut, dass ich nicht lesen kann, wächst an. Ich will das nicht. Ich will das können. So wie alle anderen.

Nach Stunden hat mir Agil zwischenzeitlich etwas zu Trinken und zu Essen hingestellt. Darunter hat er Zettel geklemmt. »Essen« und »Trinken«. Ich verstehe. Er weint. Aber seine Seele wirkt nicht traurig, eher ein wenig glücklich. Vielleicht freut er sich für mich, oder auch für sich selbst.
Nach der Anstrengung werde ich irgendwann müde. Ich merke, dass er schon längst eingenickt ist. Ich nehme vom Sofa die Kuscheldecke und decke ihn zu, bevor ich noch mal Pipi machen gehe und mich dann selbst ins Bett bringe. Das ist neu. Es ist anders. Und es macht mir nichts aus. Das ist ungewöhnlich.

 

Samstag

Ich höre etwas.
»Lani?«
Agil sitzt an meinem Bett und fasst mir vorsichtig auf die Schulter. Ich erschrecke und weiche zurück gegen die Wand, starre an die Decke und verfalle in mein übliches Muster. Ich hasse es, wenn man mich anfasst. Doch heute will ich besser sein. Ich atme tief durch und beruhige mich. Auch wenn mein Blick an der Decke bleibt, deute ich mit meinem Zeigefinger auf mich selbst: »Lani?«
Er wieder holt es. Ich suche nach seiner Brust und deute darauf. Er nennt seinen Namen. Ich wiederhole ihn:
»Agil.«
Er wirkt froh und glücklich. Ich spüre seine Hand unter meiner. Er fasst mich nicht wirklich an, aber er bietet mir die Option. Ich ergreife seine Hand und lasse mich aus dem Bett in die Küche ziehen. Das ist komisch, so ungewohnt und anders. Aber ich bin hier in Sicherheit. Was soll schon passieren?
Agil hat mein Spiel verstanden und nennt die Dinge beim Namen, sodass ich sie wiederholen kann.
Essen. Trinken. Wasser. Messer …
Nach dem Frühstück legt er mir wie immer Kleidung zurecht und lässt mich im Bad allein. Ich übe heimlich weiter.
»Lani. Messer. Trinken …«
Vor dem Spiegel bin ich mutig. Ich blicke auf und sehe mir selbst ins Gesicht. Das ist beängstigend. Ich starre mich an. Ich hasse Augen. Ich sehe nicht gerne in andere Augen. Aber das sind meine. Das sollte ok sein. Denke ich.
Nach der morgendlichen Pflege will ich sofort zurück ins Wohnzimmer, weiter die menschliche Kommunikation erforschen. Agil ist währenddessen im Bad. Ich schalte den Fernseher an. Das ist schwer für mich, denn ich schaue nicht gerne auf Menschen, die sich bewegen. Sie strengen mich an und machen mir Angst. Aber ich höre die Menschen sprechen. Der Fernseher läuft im Hintergrund. Ich stöbere weitere in den Comics und schaue nur gelegentlich auf zur Flimmerkiste. Irgendwann schiebt mir Agil einen Zettel vor die Augen mit einem Auto und vollem Kofferraum. Darunter steht: »Einkaufen?«
Ich beginne zu zittern. Meistens ging Agil alleine einkaufen, und Condas war da. Nur ab und zu mussten sie mich mitnehmen. Und es war die Hölle für mich. So viele Menschen und Stimmen. So ein Durcheinander.
Aber da kann ich Stimmen hören. Sie verstehen lernen. Ich stehe auf und sage:
»Ja.«

Es ist laut und alles durcheinander. Menschen laufen kreuz und quer. Ich bin völlig überfordert und klammere mich fest an den Einkaufswagen. Wie können Menschen sowas aushalten? Aber ich will wie sie sein, also muss ich das aushalten. Ich beobachte die Dinge, die im Wagen landen. Butter, Brot, Käse, Pizza, und so vieles mehr. Ich versuche alles, was ich entziffern kann, vorzulesen. Agil bestätigt mich oder korrigiert. Er wirkt aufgeregt und glücklich. Immerhin macht es mich glücklich, dass er glücklich ist. Dadurch ist es nicht mehr ganz so schlimm. Wir kommen an Dingen vorbei, die nicht zum Essen sind. Bücher. Ich muss stehen bleiben und schauen. Es gibt Bücher, in denen nur Buchstaben stehen, ganz ohne Bilder. Soll man sich das alles nur vorstellen? Daneben eine verschlossene Glasvitrine. Da stehen komische Geräte. Ich frage neugierig: »Buch?«
Agil scheint das lustig zu finden. Er versucht vorsichtig zu erklären:
»Laptop. Viele Bücher. Lesen. Schreiben. Suchen. Finden. Spielen.«
»Lani will Laptop«, erkläre ich. Agil seufzt:
»Viel Geld. Wir haben nicht genug.«
Aufgeregt krame ich meinen Geldbeutel hervor, in dem ich von jedem Taschengeld heimlich einen Teil aufgehoben habe. Mit Zahlen komme ich sehr gut zurecht. Ich halte ihm davon 500 Euro entgegen:
»Viel genug Geld? Lani mehr.«
»Lani. Hast du das alles gespart?«
»Ja. Lani will Laptop.«
Scheinbar ist das sehr kompliziert, einen Menschen zu finden, der die Vitrine aufmacht, damit man den Laptop in die Hand bekommt. Als wollten die den eigentlich behalten.
Ich klammere mich fest an den Karton, als wir zur Kasse gehen. Aber anscheinend muss man den erst wieder abgeben, bezahlen, und dann bekommt man ihn wieder. So richtig habe ich das Ganze noch nicht verstanden, aber wenn Agil mitspielt, scheint das so richtig zu sein.

Zuhause angekommen hilft Agil mir, den Laptop auszupacken und einzurichten. Der will überraschend viele Dinge über mich wissen. Und dann sagt er mir, ich hätte jetzt eine Assistentin namens Cortana. Ein sprechender Ball. Komisch. Und ich habe sogar verstanden, dass Agil erst noch was eintippen muss, damit der Laptop mit der ganzen Welt reden kann. Und er meint, er muss da einen Jugendschutz anmachen, damit ich auf keine komischen Seiten gerate. Ich habe keine Ahnung, was er damit meint. Ich werde schon herausfinden, wie man das wieder abstellt. Inzwischen sprechen wir recht flüssig miteinander. Ich lerne schnell. Bin ja nicht blöd. Nur anders.
Agil macht uns was zu Mittag und ich lerne Wikipedia kennen. Das kann mir sehr viel erklären. Und wenn ich was nicht verstehe, kann ich mir die Erklärung erklären lassen. Das Internet ist toll. Agil kann es gar nicht fassen, dass ich das alles so schnell verstehe. Das liegt daran, dass ich endlich nicht mehr so anders sein will. Und ich finde bei diesem Wikipedia sogar etwas über Autismus. Und ich frage mich, ob das wirklich ich bin. Passt das zu mir? Ja, ich habe soziale Probleme und bin kaum kontaktfähig. Aber … irgendwas passt nicht. Ich suche nach Seelen. Ich finde die seltsamsten Theorien. Dass sie uns als magische Schatten begleiten. Ich suche »magisch«. Ach du Schreck.
Laut dem, was hier steht, habe ich die magische Gabe. Nicht nur das, ich muss sie nicht mal bewusst einsetzen, sondern kann Seelen und Gefühle jederzeit sehen. Dazu müssen andere erst bewusst für eine Momentaufnahme zaubern. Warum muss ich ständig in allem anders sein?
Schade, dass ich eine Autistin bin. Eine Behinderte. Ist das wirklich alles? Oder kann ich mehr sein?

 

Sonntag

Agil macht Frühstück. Wie immer. Er ist so verlässlich. Ich gehe ins Bad. Während meiner üblichen Routine entdecke ich etwas Neues. Sein Handy liegt im Bad herum. Neugierig greife ich danach und mache mich damit vertraut, wie es funktioniert. Und das hilft. Denn ich finde Condas. Seine Telefonnummer, seinen Facebook-Account, seine Whatsapp-Nachrichten. Mutig wähle ich seine Nummer. Ich höre Condas Stimme:
»Ja? Was willst du noch?«
Ich habe einen Kloß im Hals. Ich kann nicht sprechen. Panisch lege ich wieder auf. Das schaffe ich nicht. Mit Agil funktioniert das, aber nicht mit Condas. Nicht am Telefon.Ich suche nach weiteren Informationen.
Er schreibt bei Facebook, dass er sich getrennt hat und bei einer Freundin untergekommen ist. Das scheint einigen Leuten zu gefallen. Eine hat es mit einem Herzchen versehen und es mit »PM« kommentiert. Da stimmt was nicht. Dieses PM scheint PrivateMessage zu bedeuten. Irgendwas läuft da im Hintergrund. Ich google den Namen der Freundin »Dani Marks«. Und ich finde eine Adresse hier in der Stadt. Da muss ich hin. Nur wie? Ich kann nicht einfach nach draußen gehen, das würde Agil nicht erlauben. Und mitnehmen kann ich ihn auch nicht. Das geht nur Condas und mich etwas an. Ich will Agil überraschen, dass ich etwas für ihn tun kann. Da fällt mir etwas ein. Condas hatte immer Schlaftabletten im Nachtschrank. Das muss ich überprüfen. Gleich nach dem Frühstück, wenn Agil im Bad ist. Ich lege das Handy wieder dorthin zurück, wo es vorher lag.

Und tatsächlich sind da noch Tabletten im Schrank. Das ist zwar gemein, aber es ist zu seinem besten. Ich nehme mir einen Löffel und drücke drei Tabletten ganz klein, um sie dann in Agils Kaffee zu verrühren. Hoffentlich merkt er nichts. Schnell noch was Zucker dazu. Er trinkt ihn eh mit viel Zucker, das fällt vielleicht nicht weiter auf.

Schnell setze ich mich wieder ins Wohnzimmer und tippe unschuldig an meinem Laptop. Wikipedia muss mir eh noch einiges erklären. Warum guckten manche so komisch, wenn Agil und Condas Hand in Hand einkaufen gingen? Heterosexuell, Homosexuell … dieses »sexuell« ist mir noch schleierhaft. Aber der Jugenschutz im Laptop lässt mich da nicht weitersuchen. Verdammt. Das muss ja was ganz Schlimmes sein. Da Agil sich ganz schön Zeit lässt im Bad, versuche ich den Jugendschutz irgendwie loszuwerden. Es läuft alles darauf hinaus, dass ich ein Administratorkennwort eingeben muss. Was könnte sich Agil ausgedacht haben? Ich probiere meinen Namen. Nein. Condas? Nein. Aber vielleicht mit seinem Geburtsdatum? Aha. Agil ist berechenbar. Weg mit dem Jugendschutz. Und was ist nun »sexuell«?

Nachdem ich nun eindeutig verstanden habe, wo die Babys herkommen und wie sehr Menschen das scheinbar Spaß macht, finde ich dank fehlendem Jugendschutz leider auch dunkle Seiten an diesem Thema.
Betrug. Untreue. Prostitution. Nötigung. Zwang. Gewalt.
Wie können Menschen nur so grausam sein? Ich schäme mich ein Mensch zu sein. Auch wenn ich anders bin. Ich gehöre ja auch dazu – irgendwie. Als Agil den Raum betritt, wechsle ich schnell auf harmlose Themen. Schule. Lernmethoden.
Agil scheint kurz verdutzt zu sein, dass sein Kaffee sehr süß ist. Aber er schöpft wohl dann doch keinen Verdacht.
Meine Gedanken kreisen. Ob er wohl auch schon mal etwas Grausames getan hat? Ich kann mir das nicht vorstellen. Nicht Agil. Mein Papa, mein Held. Er ist bestimmt nicht so. Irgendwann wird er müde und nickt auf seinem Sessel ein. Ich decke ihn mit der Kuscheldecke zu. Wie gestern. Jetzt beginnt mein Abenteuer. Nachdem ich mir eine Straßenbahnroute herausgesucht habe, mache ich mir dazu einen Notizzettel, ziehe mir eine Jacke an, packe meinen Schulrucksack mit einer Flasche Wasser, Agils und meinem Portmonee, Schlüsselbund und Handy, einem Notizblock und einem Stift.
Dann verlasse ich das Haus. Allein.

Es ist Herbst. Leichter Regen fällt. Es ist alles neu und aufregend. Ich mache das hier ganz allein. Ich werde das schon schaffen. Denn ich habe mir den Weg zur Haltestation gut eingeprägt. Als ich diese erreiche, begegnet mir das erste Hindernis. Ein Fahrkartenautomat. Doch nach kurzer Zeit habe ich verstanden, wie er denkt, und gebe mein Ziel ein. Bezahlen schaffe ich schließlich auch.

Ich sitze in der Straßenbahn. Um mich herum lauter Fremde. Ich spüre immer wieder, wie sie mich mustern. Einige junge Männliche schauen immer wieder zu mir herüber. Mit Grauen denke ich daran, was ich über Sexualität gelesen habe. Sicher wollen sie sowas gerne mit mir machen. Aber das ist definitiv nichts für mich. Oder vielleicht einfach noch nicht. Doch das spielt jetzt keine Rolle. Ich starre weiter auf den Boden und blicke nur gelegentlich zur Anzeige, um zu begreifen, wann ich aussteigen muss. Und tatsächlich muss ich ja zweimal umsteigen. Die zweite Straßenbahn kommt nicht, wie auf dem Plan steht. Ob das normal ist? Ich nehme die nächste, die kommt, und muss bei der dritten auch zu einer anderen Zeit einsteigen. Was soll‘s. Hauptsache, ich komme an. In der dritten Straßenbahn streiten sich zwei Männer und fangen an sich zu schubsen. Was soll ich tun? Ich tue nichts. Das heißt, doch, ich stelle mir vor, wie sie sich besser fühlen und nett zueinander sind. Und genau das geschieht. War ich das?

Endlich bin ich da. Erleichtert steige ich aus. Der Regen hat aufgehört und die Sonne guckt zwischen den Wolken heraus. Ich muss noch fünf Straßen schaffen zu Fuß. Das sollte ich hinbekommen. Ein letztes Mal tief einatmen. Und los.

Schließlich stehe ich vor einem vierstöckigen Haus, das mal wieder renoviert werden könnte. Unser Haus ist sauberer. Warum will Condas lieber hier wohnen? Verunsichert betrete ich den Eingang und suche die Klingelleiste ab.»D.Marks«
Was soll ich jetzt machen? Wenn ich klingle, wird jemand an dieser Sprechanlage fragen, wer da ist. Und das kann ich dann nicht beantworten. Weil ich sicher wieder kein Wort herausbekomme. Und wenn ich mich als Lani vorstelle, wird das Probleme geben. Oder doch nicht? Ich krame Agils Handy raus und probiere am Übersetzer herum. Meinen Namen kennt er nicht. Aber … das Wort »Post« kann er vorlesen. Das wäre doch was. Dafür würde man sicher die Tür öffnen. Also klingle ich nun. Nach einem längeren Moment spricht es:
»Ja?«
Eine weibliche Stimme. Bestimmt diese Dani. Ich halte das Handy an die Anlage und lasse den Übersetzer sprechen. Eine unerwartete Antwort:
»Post? An einem Sonntag?«
Verdammt. Es ist Sonntag. Da kommt ja keine Post. Verzweifelt lasse ich den Übersetzer das erneut aufsagen.
»Jaja, Moment«, schimpft es.
Dann summt es an der Tür. Ich drücke dagegen und kann eintreten. Die Klingel war in der Reihe des dritten Stocks, also muss das irgendwo da sein. Stock für Stock steige ich die Treppen hinauf bis in den dritten. Noch bevor ich suchen muss, sehe ich eine halboffene Tür. Dahinter steht eine blonde, junge Frau, nur in einen Bademantel bekleidet. Verwundert blickt sie mich an. Ich gehe auf sie zu. Jetzt wird sie eine Antwort erwarten, und ich merke, dass mein Plan an diesem Punkt leider endet.
»Du siehst aber nicht wie von der Post aus«, rümpft sie die Nase. Mühsam blicke ich sie an. Es ist schwer, andere Menschen anzuschauen. Zittrig quäle ich die Worte raus:
»Condas?«
»Was soll das? Wer bist du?«
»L … Lani?«
»Ja und?«
»Lani. Will zu Condas.«
Sie grummelt und wendet sich in die Wohnung:
»Kennst du eine Lani?«
»Wer will das wissen?«
»Na, die sagt, sie heißt Lani.«
»Was?«, ruft es erschrocken.
Das ist Condas Stimme. Nach einigem Rumpeln kommt Condas in den Flur zur Tür. Er trägt nur eine Hose, kein Shirt. Barfuß tritt er näher heran:
»Lani? Was …? Wie bist du denn hierhergekommen?«
»Straßenbahn.«
»Bist du allein?«
»Ja.«
Die Fremde mischt sich wieder ein:
»Kann mir mal einer erklären, was hier los ist?«
Condas greift ihr merkwürdig vertraut an die Hüfte:
»Ich erklär dir das gleich. Lani? Komm rein!«
Ich folge Condas in die Wohnung. Er führt mich auf ein Sofa eines kleinen Wohnzimmers. Die blonde Dani folgt uns und setzt sich auf einen Stuhl in der Nähe. Man kann immer deutlicher erahnen, dass sie nichts unter dem Bademantel trägt. Condas setzt sich rechts neben mich. Endlich etwas Vertrautes. Völlig verunsichert fragt er mich:
»Kannst du mich etwa verstehen?«
»Ja. Lani versteht.«
»Wer ist denn das jetzt eigentlich?« fragt Dani energisch.
Condas wendet sich zu ihr um:
»Das ist … unsere Tochter. Also Agils und meine Tochter.«
»Die Autistin?« fragt sie abfällig.
Ich stehe auf und starre sie wütend an:
»Die Autistin. Ja. Heiße Lani!«
Condas versucht mich zu beruhigen:
»Lani. Nicht aufregen. Sie ist nur überrascht.«
»Lani nicht blöd. Sie mich lacht aus. Lani das fühlt.«
»Ich lache nicht. Wieso bist du hier?« fordert sie forsch.
Ich werde noch wütender und fuchtle mit der Hand in ihre Richtung. Ein Ruck fährt durch die Fäden des Raums und wirft sie vom Stuhl zu Boden. Sie schreit erschrocken auf. Gut so, sie soll den Mund halten. Ich schaue zu Condas:
»Du musst zurück. Zu Agil. Er dich vermisst. Du gehören zu uns. Gehörst zu uns. Zurück!«
»Lani. Ich … wie erkläre ich das? Ich habe Agil verlassen. Wir sind kein Paar mehr.«
»Du jetzt Paar mit Dani?« frage ich wütend.
»Das ist kompliziert.«
»Nicht kompliziert. Du sexuell mit Dani? Dafür verlassen Agil? Agil nicht gut genug?«
Condas seufzt. Dani richtet sich wieder auf:
»Kleine, das verstehst du nicht.«
»Dich gefragt? Mund halten!« schimpfe ich.
Etwas kleinlaut wendet sie sich zu Condas:
»Sie ist magisch? Obwohl sie …«
Condas unterbricht sie:
»Geh bitte nach nebenan. Ich rede allein mit Lani.«
Entmutigt verlässt sie den Raum.
»Warum Dani? Warum nicht Agil? Verheiratet!« will ich wissen.
Condas fasst sich seufzend an die Stirn:
»Ich … weiß nicht, wie ich dir das erklären soll. Das wäre zu kompliziert für dich.«
»Lani nicht blöd.«
»Was ist passiert? Seit wann sprichst du?«
»Seit du weg! Ich helfe Agil. Muss die Familie retten.«
»Ach Lani, du bist echt toll. Das ist lieb gemeint. Aber … das wird nicht funktionieren. Manchmal trennen sich Paare. Wenn etwas einfach nicht passt.«
»Du jetzt mit Frauen?«
»Na gut. Wenn du es wissen willst. Ich mag beides. Und mit Agil zusammen zu sein war schön. Aber es ist vorbei.«
»Lani versteht nicht. Wenn du beides magst, warum Agil nicht mehr gut?«
»Ich bin Dani begegnet.«
»Dani doof. Arrogant. Mag mich nicht. Hast du mich vergessen?«
»Nein, ich denke an dich.«
»Ich brauche Agil. Ich brauche Condas. Du nicht da. Familie kaputt. Du hast kaputt gemacht. Du Pflichtung.«
»Es tut mir leid. Ich kann dich gerne besuchen kommen, aber das mit Agil ist leider vorbei.«
»Was muss Lani tun? Agil allein. Lani traurig. Condas macht Sex mit Dani. Das gefällt Lani nicht.«
»Lani, ich … du … musst dich daran gewöhnen, dass ich nicht mehr da bin.«
»Dani jetzt Mama von Lani? Lani mag Dani nicht.«
»Das muss nicht so sein. Sie ist einfach Dani für dich.«
»Aber Dani Hure.«
»Wo hast du denn solche Wörter her?«
Dani betritt wieder den Raum. Offenbar hat sie gelauscht. Wütend stemmt sie die Hände in die Hüften:
»Also das muss ich mir nun wirklich nicht gefallen lassen!«
Condas versucht sie zu beruhigen:
»Ganz ruhig. Sicher hat sie nur ein falsches Wort aufgeschnappt.«
»Es wird wohl Zeit, dass die kleine Göre wieder geht«, schimpft sie und schreitet auf mich zu.
Grob greift sie mich am Arm und zerrt mich hoch.
Condas ruft noch:
»Nein. Nicht anfassen!«
Doch ich bin schon ausgerastet. Sie fasst mich an. Niemand fasst mich an. Außer Agil. Ich spüre diese Hitze in mir. Mit Wut, nein unglaublich viel Wut, schubse ich sie mit aller Kraft von mir. Schränke rappeln, Dinge fallen heraus, die Glühbirnen platzen und sie fällt rückwärts über den Stuhl, mit dem Kopf gegen die Wand. Es knackt sehr merkwürdig. Blut sammelt sich auf dem Boden. Condas läuft zu ihr und versucht sie aufzuwecken. Panisch ruft er:
»Oh nein. Sie ist tot. Was hast du getan?«

Ich habe sie getötet. Wie konnte das passieren?
Ich wollte doch nur …

Bin ich eine Mörderin?

Meine Seele fühlt sich komisch an. Sie zerrt an meinem Körper. Sie kommt nicht los. Warum hat mein Herz aufgehört zu schlagen? Angsterfüllt kommt mir ein Reim in den Sinn, den man sich über böse Magier sagt, die in die Stadt der Knochen verbannt werden:

Wer hat Angst vorm Knochenmann,

der elendlich nicht sterben kann?

Die Seele fest am Körper klebt

er sterbend ewig weiter lebt.

drum hüte dich vor zu viel Macht,

gib auf deine Seele Acht!

Sonst geht’s dir wie dem Knochenmann

der ewiglich nicht sterben kann.


(c)2017 R. Nina Roth, <fesselseelen> Stille Sicht